Was ist eine Blutvergiftung (Sepsis)?
Eine Blutvergiftung, medizinisch als Sepsis bezeichnet, ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die entsteht, wenn das Immunsystem überschießend auf eine Infektion reagiert. Dabei werden körpereigene Gewebe und Organe geschädigt. Die Sepsis ist ein medizinischer Notfall, der sofortige intensivmedizinische Behandlung erfordert.
Die Erkrankung kann aus jeder Art von Infektion entstehen – sei es durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten. Häufige Ausgangspunkte sind Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte, Wundinfektionen oder Bauchfellentzündungen. Entscheidend ist, dass sich die Infektion über den ursprünglichen Herd hinaus ausbreitet und eine systemische Entzündungsreaktion auslöst.
Entstehung und Verlauf der Sepsis
Bei einer Sepsis gerät das Gleichgewicht zwischen Entzündung und Immunabwehr außer Kontrolle. Das Immunsystem aktiviert Botenstoffe, die normalerweise Infektionen bekämpfen. Bei der Blutvergiftung werden diese jedoch in übermäßigen Mengen freigesetzt und schädigen gesundes Gewebe.
Der Verlauf lässt sich in verschiedene Stadien unterteilen:
- Sepsis: Systemische Entzündungsreaktion mit nachgewiesener oder vermuteter Infektion
- Schwere Sepsis: Sepsis mit Organfunktionsstörungen
- Septischer Schock: Schwere Sepsis mit anhaltendem niedrigem Blutdruck trotz Flüssigkeitsgabe
Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen. Unbehandelt führt eine schwere Sepsis häufig zu Multiorganversagen und kann tödlich verlaufen.
Multiorganversagen: Wenn mehrere Organe betroffen sind
Das Multiorganversagen (MOV) stellt die schwerste Komplikation der Sepsis dar. Dabei fallen nacheinander oder gleichzeitig mehrere Organsysteme aus. Die Intensivmedizin unterscheidet verschiedene Organdysfunktionen:
Betroffene Organsysteme
- Herz-Kreislauf-System: Blutdruckabfall, verminderte Herzleistung, Schock
- Lunge: Akutes Lungenversagen (ARDS), Beatmungspflichtigkeit
- Nieren: Akutes Nierenversagen, Dialysepflichtigkeit
- Leber: Leberfunktionsstörungen, Gelbsucht
- Gehirn: Bewusstseinsstörungen, Delir, Koma
- Blutgerinnung: Gerinnungsstörungen, erhöhte Blutungsneigung
Das Organversagen entwickelt sich oft schnell und erfordert umgehend lebenserhaltende Maßnahmen auf der Intensivstation. Je mehr Organe betroffen sind und je länger das Versagen anhält, desto kritischer wird die Prognose.
Intensivmedizinische Behandlung der Sepsis
Die Behandlung einer schweren Sepsis oder eines septischen Schocks erfolgt ausschließlich auf der Intensivstation. Das Therapiekonzept basiert auf mehreren Säulen, die parallel angewendet werden müssen.
Sofortmaßnahmen und Diagnostik
Bei Verdacht auf eine Blutvergiftung leiten Intensivmediziner umgehend diagnostische und therapeutische Schritte ein. Dazu gehören die Entnahme von Blutkulturen zur Erregeridentifikation, bildgebende Verfahren zur Infektionsherdsuche und die Bestimmung von Entzündungsparametern.
Parallel erfolgt die Stabilisierung der Vitalfunktionen durch Kreislaufunterstützung mit Flüssigkeit und kreislaufwirksamen Medikamenten (Vasopressoren). Bei Ateminsuffizienz wird eine maschinelle Beatmung eingeleitet.
Antimikrobielle Therapie
Die antibiotische Behandlung muss schnellstmöglich beginnen – idealerweise innerhalb der ersten Stunde nach Diagnosestellung. Zunächst erfolgt eine kalkulierte Breitspektrum-Antibiose, die später nach Erregernachweis gezielt angepasst wird.
Die Wahl des Antibiotikums richtet sich nach dem vermuteten Infektionsherd, lokalen Resistenzmustern und den individuellen Patientenfaktoren. Bei Pilzinfektionen kommen Antimykotika, bei Virusinfektionen entsprechende antivirale Medikamente zum Einsatz.
Organersatzverfahren
Bei Organversagen sind oft Ersatzverfahren notwendig:
- Beatmung: Bei Lungenversagen maschinelle Beatmung mit angepassten Parametern
- Dialyse: Bei Nierenversagen kontinuierliche oder intermittierende Nierenersatztherapie
- ECMO: Bei schwerem Herz-Lungen-Versagen extrakorporale Membranoxygenierung
- Leberdialyse: Bei Leberversagen spezielle Blutreinigungsverfahren
Prognose und Langzeitfolgen
Die Prognose einer Sepsis hängt von verschiedenen Faktoren ab: dem Schweregrad, dem Alter und den Vorerkrankungen des Patienten, der Schnelligkeit der Behandlung und dem auslösenden Erreger.
Überlebenschancen
Die Sterblichkeit bei schwerer Sepsis liegt trotz moderner Intensivmedizin bei etwa 20-40%. Bei septischem Schock steigt sie auf 40-60%. Entscheidend für das Überleben ist der frühe Behandlungsbeginn – jede Stunde Verzögerung verschlechtert die Prognose erheblich.
Mögliche Langzeitfolgen
Überlebende einer schweren Sepsis können unter verschiedenen Langzeitfolgen leiden:
- Post-Sepsis-Syndrom mit chronischer Müdigkeit und Schwäche
- Kognitive Beeinträchtigungen und Gedächtnisstörungen
- Chronische Nieren- oder Lungenfunktionsstörungen
- Posttraumatische Belastungsstörung nach dem Intensivaufenthalt
- Muskelabbau und längere Rehabilitationszeit
Vorsorgeplanung und Patientenverfügung
Angesichts der Schwere einer Sepsis und des möglichen Organversagns sollten Sie rechtzeitig über Ihre Behandlungswünsche nachdenken. Eine gut durchdachte Patientenverfügung kann in kritischen Situationen entscheidend sein.
Wichtige Überlegungen
Bei der Erstellung einer Patientenverfügung sollten Sie folgende Aspekte berücksichtigen:
- Wünsche bezüglich intensivmedizinischer Maßnahmen
- Einstellung zu Organersatzverfahren wie Dialyse oder ECMO
- Grenzen der Therapie bei aussichtsloser Prognose
- Bestimmung einer Vertrauensperson für medizinische Entscheidungen
Nach österreichischem Patientenverfügungs-Gesetz (PatVG) ist eine verbindliche Patientenverfügung nur bei ordnungsgemäßer Errichtung mit ärztlicher Aufklärung wirksam. Diese sollte regelmäßig aktualisiert werden.
Information und Unterstützung für Angehörige
Eine schwere Sepsis mit Organversagen ist nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für Angehörige eine extreme Belastung. Das Intensivteam informiert Sie regelmäßig über den Krankheitsverlauf und geplante Behandlungsschritte.
Kommunikation mit dem Behandlungsteam
Scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen und um Erklärungen zu bitten. Wichtige Gesprächsthemen sind:
- Aktueller Gesundheitszustand und Prognose
- Geplante Behandlungsmaßnahmen und Alternativen
- Mögliche Komplikationen und deren Behandlung
- Voraussichtliche Behandlungsdauer
- Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörige
Bei schwierigen Entscheidungen kann ein Ethikkomitee hinzugezogen werden, das alle Beteiligten berät und bei der Entscheidungsfindung unterstützt.
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